Illustration oder Infografik? Verschiebung der Erkenntnisstruktur
Für einen Auftrag zum Thema Künstliche Intelligenz entwickelte ich zwei sehr unterschiedliche Ansätze visueller Kommunikation. Beide Grafiken behandeln dasselbe Thema, verteilen Information jedoch vollkommen unterschiedlich zwischen Bild und Text.
Während die veröffentlichte Version vor allem mit einem symbolischen Gehirn arbeitet, versuchte mein ursprünglicher Entwurf, die Funktionsweise generativer Bildsysteme selbst visuell nachvollziehbar zu machen.
Für die Wochenzeitung DIE ZEIT wurde ich beauftragt eine Infografik zu der Recherche von Ulf Schönert zu erstellen. Bei dem Entstehungsprozess entwickelte ich ein Modell, wie man das System hinter der generativen Bilderstellung durch KI begreifbar machen kann. Das hatte aber auch die Folge, dass die ursprünglichen Texte umgeschrieben werden hätten müssen, denn durch die Modellentwicklung, wurde Text und Bild zu einem iterativen Prozess, bei dem die Inhalte auf beide Modi (Text und Bild) so verteilt werden, dass sie erst zusammen die vollständige Information vermitteln.
Im Verlauf des redaktionellen Prozesses wurde das visuelle Modell verworfen. Die finale Version bestand aus einem abstrahierten Gehirn mit neuronalen Verbindungen als Symbol für künstliche Intelligenz. Inhaltlich war die veröffentlichte Grafik umfangreicher als mein ursprünglicher Entwurf, der sich auf die Funktionsweise von generativer KI beschränkte. Sie enthielt deutlich mehr Textinformationen rund um das Thema KI, verschiedene Zusatzaspekte und erklärende Absätze.
Interessant ist dabei nicht nur die gestalterische Veränderung, sondern die Verschiebung der Informationsstruktur selbst. Denn beide Grafiken verteilen Bedeutung unterschiedlich zwischen Bild und Text. Trotzdem haben beide Versionen ihre Berechtigung, denn sie vermitteln Information auf völlig unterschiedliche Weise.
von Ulf Schönert und Infografik von Sophia Phildius,
erschienen in der DIE ZEIT Nr. 40/2023
Denken mit Daten
Die veröffentlichte Zeitungsgrafik enthält deutlich mehr Textinformationen. Verschiedene Absätze erklären Begriffe, Anwendungen und Hintergründe künstlicher Intelligenz. Das Bild selbst dient hauptsächlich dazu, den Kontext zu setzen. Die eigentliche Information liegt jedoch im geschriebenen Text.
von Sophia Phildius, 2026 (Entwurf von 2023)
Legen statt Malen
Meine Tangram-Grafik funktioniert umgekehrt. Der Text führt in das Thema ein und gibt den Kontext. Die eigentliche Informationsstruktur liegt in den Bildern selbst. Die geometrischen Formen und ihre Kombinationen sollen die Funktionsweise generativer Bildsysteme nachvollziehbar machen.
| Gehirn-Grafik | . | Tangram-Grafik | . |
|---|---|---|---|
| Symbol für KI | Modell von KI | ||
| Bild verweist auf KI | Bild erklärt Funktion | ||
| Information vorwiegend im Text | Information in Text und Bild | ||
| visuelle Wiedererkennung | strukturelle Erkenntnis | ||
| Kontext durch Bild | Funktion durch Bild |
Die Gehirn-Grafik nutzt das Bild als Kontext. Die Tangram-Grafik nutzt das Bild als Erklärung.
Besonders deutlich wird dieser Unterschied bereits im Titelmotiv.
Das Gehirn zeigt die Struktur neuronaler Netzwerke lediglich als visuelles Motiv, das den Text illustriert, aber die Funktion selbst nicht erklärt. Die Tangram-Grafik hingegen nutzt diese Struktur selbst als Erklärung. Die geometrischen Formen sind nicht illustrativ, sondern funktional. Sie sollen sichtbar machen, wie aus den einzelnen Steinen durch verschiedene Kombinationen neue Bilder entstehen. Das heißt, Strukturen, die sichtbar sind, sind nicht automatisch verständlich.

Das vernetzte Gehirn als kontextgebendes Bild
Das abstrahierte Gehirn der Zeitungsgrafik ist ein starkes Symbol. Es erzeugt sofort die Assoziationen zu künstlicher Intelligenz, Netzwerken und digitalen Prozessen. Genau deshalb funktionieren solche Bilder im medialen Kontext, z.B. bei einer Wochenzeitung, sehr gut. Sie sind schnell lesbar und sofort verständlich.
Das Bild selbst dient hauptsächlich dazu, den thematischen Rahmen für die Textinformationen zu setzen. Es erklärt jedoch nicht, wie generative Bildsysteme funktionieren.
Der Text übernimmt die Erklärung.
Die Tangram-Katze als funktionales Modell
Ohne den begleitenden Kontext im Text würde man die Katze nicht automatisch mit KI verbinden.
Denn die Katze ist hier kein Symbol für KI, sondern Teil eines Systems, das KI erklärt. Die geometrischen Formen sollen nachvollziehbar machen, wie aus einzelnen Bausteinen durch Kombination neue Bilder entstehen können.
Das Bild erzeugt hier nicht primär Kontext, sondern versucht, eine Funktionsweise verständlich zu machen.
Der Text dient als Einführung in die visuelle Logik der Grafik.

Neuronale Netzwerke im Vergleich
Der Unterschied setzt sich auch in der Darstellung der neuronalen Netzwerke fort.
In der Zeitungsgrafik zeigen die neuronalen Verbindungen vor allem die Struktur selbst. Sie erzeugen den Eindruck von Vernetzung, Komplexität und digitaler Intelligenz. Die Linien und Knoten funktionieren als visuelle Zeichen für technologische Prozesse.
Die Darstellung bleibt jedoch symbolisch. Das Netzwerk verweist auf KI, erklärt aber nicht ihre Funktionsweise.
In meiner Version soll das Netzwerk nicht nur die Struktur zeigen, sondern die Funktion erklären. Deshalb sind die Beziehungen der Knotenpunkte funktional gedacht. Sie sollen zeigen, wie Bilder aus einzelnen Elementen aufgebaut, verändert und neu kombiniert werden können.
Die Darstellung ist die Funktion selbst und nutzt die Struktur als Erklärung.
Bild als Illustration / Bebilderter Text
Das Bild illustriert den Text und der Text erklärt.
Bild als Modell / Erklärendes Bild
Das Bild strukturiert die Erkenntnis und der Text ergänzt.
Zeigen ist nicht dasselbe wie erklären.
Die Gehirn-Grafik funktioniert hervorragend als schneller Einstieg in das Thema künstliche Intelligenz. Sie setzt den thematischen Rahmen, ohne das man die Texte erst lesen muss. Die Illustration ist der Kontext und der Kontext selbst ist die Information.
Die Tangram-Grafik verlangt mehr Interpretation und funktioniert nicht über die unmittelbare Wiedererkennung. Dafür versucht sie als eigenes Modell, die eigentliche Funktionsweise generativer Bildsysteme verständich zu vermitteln.
Der Unterschied zwischen beiden Ansätzen liegt deshalb nicht in der Menge der Information, sondern in ihrer Verteilung. Bei der einen Grafik erklärt vor allem der Text. Bei der anderen übernimmt das Bild selbst einen Teil der Erkenntnisarbeit.
| Kontextinformation | . | Strukturinformation | . |
|---|---|---|---|
| symbolisch | modellhaft | ||
| schnell lesbar | erklärend | ||
| kulturell kodiert | funktional | ||
| Illustration | Erkenntnismodell |
Wann ist eine Infografik nur eine Illustration von Wissen? Und wann wird die Illustration selbst zur Erkenntnis?
Genau darin liegt für mich der Unterschied zwischen einer symbolischen und modellhaften Visualisierung. Denn eine Infografik wird nicht nur dadurch informativ, dass sie viele Informationen enthält. Entscheidend ist, ob ihre visuellen Elemente Zusammenhänge verständlich machen, die ohne die Bildstruktur schwerer erfassbar sind.








